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In was für einer Welt leben wir eigentlich? Die Frage hat sich auch der Autor Georg Diez gestellt. In seinem neuen Buch "Kipppunkte" beschreibt er, wie die Welt, die gerade um uns herum kollabiert, in den 90er Jahren geschaffen wurde. Und er zeigt auf, dass es doch Anlass für Optimismus gibt. Diez will unsere Handlungsfähigkeit wieder herstellen, als Einzelpersonen und als Gemeinschaft in der Demokratie.
Mauerfall, das Ende des Kalten Krieges. Eine Zeit, in der scheinbar alles in die richtige Richtung ging. Freiheit! Frieden! Wohlstand!
Georg Diez erlebt Berlin in diesen Jahren als Feuilleton-Journalist: Theater, Clubs, Kunstszene – überall ein euphorischer Aufbruch.
"I got the power…"
Im Rausch der neuen Zeit war Diez, so sagt er – wie viele weitgehend blind für die Schattenseiten dieser Jahre weltweit.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Es fing dunkel an mit Nirvana und es endete wahnsinnig dunkel mit den Straßenschlachten in Genua und Seattle und wieder antikapitalistischen Protesten, die blutig niedergeschlagen wurden, kann man nicht anders sagen. Das heißt, das ist Jahrzehnt, wenn man es genau anschaut, was von der Dominanz einer Ideologie geprägt ist, die mit staatlichen, polizeilichen Mitteln umgesetzt wurde. Und diese Ideologie heißt Kapitalismus."
Die Verrohung des Kapitalismus hat Georg Diez in seinem Buch KIPPPUNKTE untersucht. Und den Clash der Ideologien, in Berlin-Mitte besonders gut zu beobachten: ein Ort der Brüche. Hier im Schatten steht noch eine Karl-Marx-Büste, quasi auf verlorenem Posten, mit Blick auf das neue Volk: mit Vollgas Richtung Freiheit – Konsum für alle, das ultimative Glück. Alternativlos. So wurde es zumindest verkauft.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Wenn man in die 90er Jahre zurückgeht, sieht man eben an sehr vielen Punkten, dass es verschiedene Weggabelungen gab. Und das interessante ist, wie eben viele der Dinge, die heute uns auf die Füße fallen: Sparpolitik, außenpolitisches Chaos, Staatsstrukturen, die nicht funktionieren, damals ihren Ursprung genommen haben."
Die Folgen, so Diez: enttäuschte Menschen – eine "erschöpfte" Demokratie. Krisen. Kriege. Und antiliberale Autokraten wie TRUMP, MUSK, PUTIN sind am Ruder. Finstere Zeiten also für Freiheit, Menschenrechte, internationale Solidarität.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Das heißt, wir sind am Beginn einer imperialen Phase oder einer technologisch-faschistischen Phase, wie andere sagen, technologisch-feudalen Phase - weil das alte Modell nicht geliefert hat, weil das alte Modell nicht Gerechtigkeit geschaffen hat."
Aber musste es so kommen? Georg Diez blickt zurück auf all die Momente – Bausteine, die das Leben der Menschen damals neu geformt haben: mit Folgen für die soziale Absicherung, die Arbeit, das gesellschaftliche Miteinander, weltweit.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Ein wesentlicher Kipppunkt der 90er Jahre ist Demokratie versus Markt. Fragil. Ein Anderer Kipppunkt ist Individuum versus Gesellschaft. Klima versus menschliche Interessen."
Heute ist klar: damals hätte mehr getan werden müssen, gegen den Klimawandel. Und es wäre möglich gewesen! Bereits Ende der 80er gab es entsprechenden Gesetzespläne.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Das heißt, ein wesentlicher Kipppunkt auf eine gewisse Weise im Klimadiskurs ist die deutsche Vereinigung. Ohne die deutsche Vereinigung hätte es eine viel progressivere Wirtschafts- und Klimapolitik gegeben."
Aber "Einheitskanzler" Kohl setzte andere Prioritäten. Solche Entscheidungen, "Bausteine" sind das Fundament der Probleme von heute, besonders im Einigungsprozess!
GEORG DIEZ, AUTOR
"Kipppunkt ist die Art, wie die Einheit vollzogen wurde in Deutschland. Dass die DDR dem deutschen Grundgesetz beigetreten ist, dass es irgendwie keine Verhandlung darüber gab, wer man sein wollte, dass es keinen Verfassungsprozess gab, wo man gemeinschaftlich hätte entscheiden können, wie dieses neue Land gestaltet werden könnte. Man hat gedacht, das passt schon so. Also man hat einfach wirklich ignoriert, dass materielle Ungleichheit politische Folgen haben wird, soziale Folgen haben wird."
"Ein weiterer Kipppunkt ist Geopolitik. Russland kippt fast!"
Georg Diez hat Berge an Fachliteratur verarbeitet für seine Analyse der KIPPPUNKTE: Verpasst wurde beispielsweise die Chance auf ein Friedenskonzept für ein Europa von Lissabon bis Wladiwostok. Aus ehemaligen Feinden hätten vielleicht Freunde werden können.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Da waren wir mal: wir hatten mal das Denken, dass wir eigentlich die Konfrontation überwunden haben. Man kann schon überlegen, ob es sinnvoll war, 1990 die NATO als Friedensmacht beizubehalten. Ob man nicht damals hätte die NATO auflösen sollen, wie es auch viel diskutiert wurde."
Wir haben nur die eine Chance: aus der Geschichte zu lernen, davon ist Georg Diez überzeugt. Denn unsere Vergangenheit ist voller Kämpfe, die oft verloren wurden. Deshalb plädiert er jetzt für kämpferischen Optimismus.
GEORG DIEZ, AUTOR
"Ich glaube, man muss wieder verstehen, dass man gemeinschaftlich agieren kann, dass Egoismus keine Option ist, um gemeinschaftlich ein gutes Leben zu gestalten und dass das Gefühl von Ohnmacht sich verändert."
Autorin: Petra Dorrmann