Anna Maria Jokl; © Suhrkamp Verlag
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Anna Maria Jokl

Das Frühjahr ist die Zeit der neuen Bücher. Viele aktuelle Titel ringen um die Gunst der Leser:innen, die Verlage werben gerne mit Superlativen, da ist dann bei einer Debütantin von "Meisterwerk" die Rede, bei einem neuen Roman eines bekannten Autors sollen uns die größten Superlative zum Kauf animieren. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt Manuela Reichart zu Unrecht vergessene Autorinnen vor, die – ganz ohne Superlative – unbedingt wieder gelesen werden sollten. Heute geht es um die Schriftstellerin Anna Maria Jokl, die im Oktober 2001 im Alter von 90 Jahren in Jerusalem gestorben ist.

Anna Maria Jokls Leben hat sich vor allem in Brüchen abgespielt, im unablässigen "wieder-von-vorn-Be­ginnen". Eine jüdische Bio­grafie in sechs Städten, sechs verschiedenen Existenzen.

Sechs Städte, sechs verschiedene Existenzen

Geboren und aufgewachsen ist sie in Wien, ihre Jugend und erste künstlerische Erfolge finden in Berlin statt. Dann die Flucht vor den Nazis: Erst nach Prag, wo sie als Schriftstellerin lebt, bis zum Frühjahr '39, dem Einmarsch der deutschen Truppen. Sie muss wie­der fliehen, kommt über Umwege endlich nach Lon­don. Hier hält sie sich mit Büroarbeit über Wasser und beginnt eine Psychotherapie-Ausbildung.

Im Nachkriegs-Berlin lebt Anna Maria Jokl schließlich als Therapeutin und gelegentliche Radioautorin, bis sie, inzwischen Mitte 50, nach Jerusalem auswandert - in histo­rischer Konsequenz, wie sie sagte. Sie lernt Hebräisch und beginnt wieder zu sch­reiben, in ihrer Muttersprache, auf Deutsch.

"Essenzen" - Prosa-Stü­cke, die von einem ganzen Universum erzählen

Aus diesen sechs Leben hat Anna Maria Jokl den Stoff genom­men für ihr Buch "Essen­zen": Erfahrungen, Schmerz, Trauer, Vertreibung, Emi­gration, Überleben und Neuanfang, Liebe und Hoffnung. Kurze Prosa-Stü­cke, die von einem ganzen Universum erzählen: von Gefüh­len und Reflexionen, von dem, was gesagt wird und dem, was ungesagt bleiben muss.

"Würde konnte es nicht geben im KZ. Stellen Sie sich vor, man hätte Ghandi nach Auschwitz gebracht. Zwei SS-Leute hätten ihn über den Platz geführt und alle wären wie erstarrt gestanden in Ehrfurcht vor dem kleinen nackten Mann mit dem weißen Lendenschurz. Aber da hätte ihm einer der SS-Männer eine Schale mit Suppe über den Kopf geschüttet, und da wäre es ein Ghandi mehr gewesen, wie ihm die Nudeln von der Stirn ins Gesicht gehangen hätten, sondern eine komische Figur und alle hätten gelacht."

(Auszug aus "Essenzen")

"Essenzen" - dieses 1993 erschiene Buch war ihr wohl das wichtig­ste. Alle Themen, alles Formbestreben ihres Lebens waren hier noch einmal gebündelt.

Ein 'Kinderroman für fast alle Leute' wird ihr größter Erfolg

Ihr größter Erfolg war aber ein 'Kinderroman für fast alle Leute': "Perlmutterfarbe". Ein Buch mit einer abenteuerlichen Ge­schich­te: In Prag ge­schrieben, Ende der 1930er Jahre; sie muss das Manuskript zurücklassen und bekommt es dann auf abenteuerliche und wunderbare Weise durch freundliche Menschen zurück. 1948 wird der Roman mit enormem Erfolg in Ost-Berlin veröf­fentlicht, nach kurzer Zeit dort jedoch verboten und vergessen, ein halbes Jahrhundert später wiederentdeckt und neu herausgebracht.

Ein Buch, das von seiner Zeit erzählt und doch weit über sie hinaus weist. Eine Schulge­schichte, in der es um die Riva­lität zweier Klassen geht.

In "Perlmutterfarben" wird - unausgesprochen - das Leben im Nationalsozialismus beschworen

Das Drama beginnt mit einem geliehenen Buch und einem ver­schütteten Tintenfass. Ein Junge aus der "A" ruiniert aus Ver­sehen den teu­ren Band eines Mitschülers aus der "B". Er traut sich nicht, das Unglück einzugestehen, fürchtet sich vor den Folgen und flüchtet stattdessen in eine Lüge. Aus Feigheit und Unwahrheit entwickeln sich Hass und Verleum­dung. Ein unge­liebter Mitschüler nutzt die Lage aus, wird zum selbsternannten Führer, propagiert die Über­legenheit der "As" gegenüber den minderen "Bs".

Unterordnung und Denunziation, Feigheit und Machtgier: In der "Perlmutterfarbe" wird - unausgesprochen - die Welt, das Leben im Nationalsozialismus beschworen.

Ein Mikrokosmos, in dem das Entstehen von Abhängigkeiten und Ressentiments so lebendig geschildert werden, dass nichts ­in dieser Geschichte einem propagandi­stisch oder alt­backen vor­kommt. Dass die einen sich besser wähnen als die anderen, dass die Dummheit der Gruppe die Intelligenz des Einzelnen auslöscht: das mutet sehr heutig an.

Ein großes Glück

Die Wiederentdeckung ihres Romans war für Anna Maria Jokl jedenfalls ein ebenso großes Glück wie für uns.

Anna Maria Jokl: "Das ist doch eine sehr selt­same Sache: Man hat etwas ge­schrieben und es ist mal er­schienen - und das Leben ist völlig anders weitergegangen, die Welt ist völlig anders weiter­gegangen, alles hat sich ver­ändert. Und dann kommt etwas aus der Vergangenheit und sagt: 'Das hat eine Rolle gespielt in meinem Leben, ich erinnere mich daran.' Also wenn man sagen kann, dass Literatur eine solche Rolle spielt; vor langer Zeit gewesen ist, zwischenduch auftauchte und noch einmal kommt. Eine komische Sache."

Manuela Reichart, rbbKultur