Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Henriette Hardenberg
Die Frühjahrsbüchersaison ist eröffnet, sehr viele neue Bücher hoffen auf Aufmerksamkeit. Die Autorinnen und Autoren warten auf Besprechungen, die Verlage auf gute Umsatzzahlen. Wir halten einen Augenblick inne angesichts all der neuen Titel. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt Ihnen Manuela Reichart zu Unrecht vergessene Autorinnen vor. Heute geht es um die Lyrikerin Henriette Hardenberg. Neben Else Lasker-Schüler, Emmy Ball-Hennings und Claire Goll repräsentierte sie den weiblichen Ton im lautstarken Expressionismus zu Anfang des 20. Jahrhunderts.
In einem Zeitungsartikel anlässlich der Veröffentlichung eines Gedichtbandes von Henriette Hardenberg 1988 hieß es:
"Eine deutsche Dichterin ist zu entdecken, in deren Schicksal und Werk sich die Tragödie eines ganzen Jahrhunderts wiederspiegelt. Ihre Verse wie ihre lyrische Prosa sind von einer Frische, die den meisten hochgejubelten Hervorbringungen unserer Tage mangelt."
Auszug aus dem Gedicht "Dann" von Henriette Hardenberg:
Manchmal, ja manchmal, möchte ich eine Zigarette rauchen
Langsam und sehr bedächtig den Rauch ausatmen
ihn steigen sehen
und wie er sich auflöst
Dann scheint die Welt innezuhalten
Und vor dem Fenster meines Gemütes beginnt Sorge und Angst zu verblassen
Der deutschen Sprache und Literatur verbunden
1988, als Henriette Hardenberg dieses Gedicht las, war die Dichterin 94 Jahre alt und lebte schon ein halbes Jahrhundert in London.
1936 hatte die – wie sie immer betonte – nicht gläubige Jüdin Nazi-Deutschland verlassen müssen. Die Erinnerung an die Gräueltaten in ihrem Heimatland haben sie ein Leben lang begleitet. Gleichwohl betonte sie stets, wie sehr sie der deutschen Sprache, der deutschen Literatur verbunden sei.
Die junge Dichterin erhielt früh Anerkennung, verdiente aber kein Geld
Ihren ersten Gedichtband "Neigungen" hatte sie 1918, mit 24 Jahren veröffentlicht, der zweite erschien erst 70 Jahre später, 1988.
Geboren wurde sie als Margarete Rosenberg am 5. Februar 1894 in Berlin. Erste Gedichte veröffentlichte sie schon bald unter ihrem Künstlernamen in der Zeitschrift "Die Aktion".
Die junge Dichterin hatte mit ihren ersten Veröffentlichungen zwar für Aufmerksamkeit in literarischen Kreisen gesorgt, Gottfried Benn würde sich später bewundernd über sie äußern und zwei ihrer Gedichte in seinen Band "Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts" aufnehmen, aber Geld verdiente Henriette Hardenberg mit ihren Gedichten natürlich nicht.
Mit 22 Jahren hatte sie geheiratet: den Dichter Alfred Wolfenstein. Ihr Sohn wurde 1916 geboren.
Henriette Hardenberg:
"Wolfenstein als Schriftsteller hat natürlich nicht übertrieben viel verdient. Wir lebten sehr bescheiden. Ich habe versucht, meinen Teil dazuzutun. Ich habe in München einen Spielfilm gemacht, ich war eine ganz gut Skiläuferin und habe später alles mögliche andere getan. Ich war auch ein Mannequin und habe vor dem König von Bayern eine bestimmte neue Art Stoff gezeigt. Später, nachdem ich mich von Wolfenstein getrennt hatte, bin ich die Privatsekretärin eines amerikanischen Professors, Richard Offner geworden, der ein Buch über die frühe italienische Kunst in sehr vielen Bänden herausgeben wollte. Ich habe da mitgearbeitet."
Stilles Schreiben
Henriette Hardenberg, die mit den Dichtern Rainer Maria Rilke und Johannes R. Becher befreundet war, entschied sich in der Emigration für ein – wie sie es einmal genannt hat – "stilles Schreiben". Sie bemühte sich nicht um neue Veröffentlichungen - das heißt, das tat sie doch, aber nicht für sich selber. Nach dem Krieg setzte sie sich vor allem für die Neuausgaben von Alfred Wolfenstein und später für die Veröffentlichung der Gedichte ihres zweiten Mannes Kurt Frankenschwerth ein. Ihr eigenes Werk erschien ihr nicht umfassend, nicht wichtig genug.
Sie war auch im hohen Alter nicht traurig oder zornig darüber, dass man sie so lange vergessen hatte, nur glücklich über den umfangreichen Sammelband, der 1988 erschienen war: Das sei doch ein Glück im späten Alter.
Unbedingt muss man ihre Gedichte lesen!
Gestorben ist diese wunderbare Dichterin 1993 mit 99 Jahren. Im Jahr darauf waren nachgelassene Gedichte erschienen. Inzwischen ist sie wieder vergessen, aber das sollte sich ändern: Unbedingt muss man ihre Gedichte lesen.
Manuela Reichart, rbbKultur