
So geht Mimik lesen - Ich sehe, wie du lügst!
Ist mein Partner glücklich? Ist mein Kunde zufrieden? Sieht die Frisur wirklich gut aus? Schwer zu sagen. Denn: Wir belügen uns selbst, und andere. Aus Angst und wegen des sozialen Drucks. Mehrmals am Tag. Ehrlich bleibt oft nur unsere Mimik. Wer Zucken, Blinzeln und Räuspern richtig interpretiert, kommt den Lügen auf die Schliche... Von Vanessa Reske
Ein Beispiel: "Willst du deine Brötchenhälfte noch essen oder kann ich die haben?", fragt Dirk Eilert seine sechsjährige Tochter beim Frühstück. Sie antwortet: "Ja, Papa", schüttelt dabei aber unterbewusst den Kopf. Ein Hinweis. Dirk Eilert fällt ein, dass seine Tochter das Wohl anderer oft vor ihr eigenes stellt. Zählt er diesen Charakterzug und die Mimik des Mädchens zusammen, kann er als Mimik-Experte mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Die Sechsjährige ist nicht ehrlich. Sie will die Brötchenhälfte doch behalten.
Faszination Durchschaubarkeit
Um einer Lüge auf die Schliche zu kommen, hat die Wissenschaft schon etliche Verfahren ausprobiert. Die Analyse der nonverbalen Reaktionen des Körpers gilt als erfolgreichste Entlarvungsstrategie. Man braucht keinen Lügendetektor, um Hinweise auf Unstimmigkeiten zu erkennen. Dirk Eilert ist fasziniert, wie leicht es geht, Menschen aus dem Gesicht zu lesen.
„Wer eine Lüge durch Mimikanalyse prüft, liegt mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent richtig“, betont er. Dabei entwickelte sich Eilerts Faszination für kleine Falten erst in späteren Jahren. Erst nach seinem Masterstudium der Wirtschaftspsychologie begann er, sich mit der Lehre des "FACS"-Coding auseinanderzusetzen. Die Fächer Sozialpsychologie, Statistik und Soziologie weckten seine Neugierde für Mikroexpressionen. Er hängte eine Coachingausbildung an und machte sich im Jahr 2002 als Mimikexperte selbstständig.
Die Muskeln sind schuld
Wie wir uns fühlen, verraten die mimischen Muskeln. Diese Muskelgruppe ist direkt mit dem Emotionszentrum im Gehirn verbunden und spiegelt unsere innere Gefühlswelt wieder - wie ein offenes Buch. Wir lachen, weinen, schmunzeln, runzeln und blinzeln. Die sieben Basisemotionen, die dahinter stecken, hat der US-amerikanische Psychologe Paul Ekman empirisch nachgewiesen: Ekel, Ärger, Angst, Traurigkeit, Freude, Überraschung und Verachtung. Um zwischen den Falten zu lesen, hat er daraufhin mit Wallace Friesen jeden Gesichtszug, jede Furche und Falte 1978 wissenschaftlich bezeichnet. Mit ihrem „FACS - Facial Action Coding System“ entstand ein weltweit verbreitetes Codierungsverfahren zur Beschreibung von Gesichtsausdrücken. Es dient international als Grundlage für wissenschaftliche Studien in der Mimikforschung.
Kurz auf die Stirn geschrieben
Dass es bei der Mimikanalyse um Minimomente geht, wissen Emotionspsychologen seit der Studie von Ernest A. Haggard und Kenneth S. Isaacs im Jahr 1966. Beim Analysieren zahlreicher Filmaufnahmen von Therapiesitzungen entdeckten sie die Mikroexpressionen - Ausdrücke, die nur in Bruchteilen von Sekunden über das Gesicht huschen. Heute nutzt man Mikroexpression, um Lügen aufzudecken.
Versteckte Botschaften konnte Dirk Eilert so auch beim Flirten entdecken. Im rbb-Film "Reden ohne Worte – Wenn der Körper spricht" hat er damals gemeinsam mit dem rbb Fernsehen eine Flirtstudie durchgeführt. Hier geht's zur Flirtstudie.
Von Vanessa Reske