Fan-Randale im öffentlichen Raum - Wer zahlt die Zeche der Zerstörung?

Di 19.03.24 | 19:01 Uhr | Von Fabian Friedmann
Fans des 1. FC Magdeburg randalieren in einem Zug. Sie versprühen Grafitti und kleben Aufkleber. (Bild: ODEG)
Video: rbb24 Abendschau | 20.03.2024 | T. Majerowitsch | Bild: ODEG

Fußballfans demolierten jüngst eine Regionalbahn und verursachten 25.000 Euro Sachschaden. Die Täter konnten nicht identifiziert werden. Wie können solche Taten künftig verhindert werden und wer übernimmt die Kosten? Von Fabian Friedmann

Die unrühmliche Fahrt beginnt am 16. Februar kurz vor 22 Uhr in Berlin-Mitte. Zahlreiche Magdeburger Fans steigen in den RE1, der von der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (kurz Odeg) betrieben wird.

Nachdem Zugführer Tobias Brauhart die Endstation kurz vor 24 Uhr am Magdeburger Hauptbahnhof erreicht hat, dokumentiert dieser per Handyvideo das Ausmaß einer knapp zwei Stunden andauernden Zerstörungswut seiner Fahrgäste: Verkleidungen am Oberlicht des Zuges sind herausgerissen, die Waggons mit Graffiti besprüht oder mit Vereins-Aufklebern übersät, dazu Massen an Müll sowie Urin-, Bier- und Getränkelachen. Der Schaden für die Odeg: 25.000 Euro.

Sachbeschädigungen als trauriger Alltag

Solche Sachbeschädigungen im Rahmen von Fußballspielen gehören an Spieltagen mittlerweile zum traurigen Alltag. Besonders die Deutsche Bahn ist betroffen. Auf zwei Millionen Euro beziffert das Unternehmen die jährlichen Kosten, die durch Fußballspiele entstehen. "Solche Gewaltausbrüche und Sachbeschädigungen gehören zur jüngeren Geschichte des Fußballs dazu, so bedauerlich das ist", sagt Fanforscher Harald Lange von der Universität Würzburg.

Aber wie kommt es überhaupt zu solchen Taten und wer kommt am Ende für die Schäden auf, wenn die Täter nur selten identifiziert werden können?

Gruppendynamische Prozesse und anonyme Täter

Fan-Forscher wie Harald Lange oder Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, betonen, dass solche Taten selten vorsätzlich begangen würden. Zumeist unterlägen sie gruppendynamischen Prozessen, oftmals beeinflusst von Alkohol. Häufig gehe es um Grenzüberschreitungen, manchmal möchte die Gruppe sich markieren als eine Art Botschaft, dass man in einem jeweiligen Gebiet gewesen sei. Es könne aber auch eine Reaktion auf Gewalt sein oder auf eine negative Gefühlslage, die vorher erfahren wurde.

"Die Ursachen liegen zumeist im Fehlverhalten einzelner", erklärt Harald Lange. In manchen Situationen käme dann ein Gruppenzwang dazu. "Der Zug wird dominiert von einer Fangruppe und im Zuge dieser Anonymität in der Gruppe passieren dann solche Übergriffe, wo einzelne untertauchen können und sich dann in Vandalismus üben", so Lange.

Der Geschädigte muss sich an den Schädiger halten. Das heißt, die Bahn muss für den Schadenersatz den Täter suchen. Wenn die den Schädiger nicht ermitteln können, dann geht das Ganze ins Leere.

René Lau, Fachanwalt für Sport und Strafrecht aus Berlin

Wer haftet für die Zerstörungswut?

Bevor die Magdeburger Randalierer im Regionalexpress zur Tat schritten, klebten sie alle Videokameras im Zug ab, so dass eine Identifikation der Täter im Nachgang kaum möglich war. Und hier liegt das zivilrechtliche Problem verankert: "Der Geschädigte muss sich an den Schädiger halten. Das heißt, die Bahn muss für den Schadenersatz den Täter suchen. Wenn die den Schädiger nicht ermitteln können, dann geht das Ganze ins Leere", sagt der Berliner Fananwalt René Lau. Deshalb bleibt auch die Odeg bislang auf ihren Kosten sitzen.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte im August 2023 ihre Forderung bekräftigt, hier auch die Vereine für die Vandalismus-Kosten aufkommen zu lassen, die ihre Fans bei der An- und Abreise besonders in Sonderzügen hinterlassen. Andreas Rosskopf, Vorsitzender der GdP Bundespolizei und Zoll, forderte in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland [rnd.de], dass es aktiven Fans künftig erschwert werden soll, solche Züge zu buchen. Es solle nur noch möglich sein, "wenn der Verein für mögliche Schäden haftet und eine entsprechende Erklärung vorlegt."

Das ist eine Idee, durch welche die Vereine mehr in die Pflicht genommen werden sollen, aber verbunden mit erhöhtem Kostenrisiko. Denn der Organisator eines Sonderzuges müsste sich das Geld für eventuelle Schäden selbst bei den Tätern zurückholen.

Vereine haften nicht im öffentlichen Raum

Ganz grundsätzlich kann man die Vereine nicht zur Rechenschaft ziehen, sollten sich ihre Fans im öffentlichen Raum danebenbenehmen, betont Rechtsanwalt René Lau. "Rechtlich ist das völlig unhaltbar. Wo soll der Anspruch gegenüber einem Dritten auch herkommen?" Man könne auch bei einem Konzert keine Band in Haftung nehmen, deren Fans die Halle verwüsten oder in der Stadt randalieren.

Lau hat vermehrt mit Sachbeschädigungen zu tun, bei denen Fußballfans Graffiti im öffentlichen Raum gesprüht hatten. Solche Verfahren würden schnell sechststellige Beträge umfassen aufgrund horrender Reinigungskosten. Natürlich sind auch hier die Vereine nicht haftbar, nur weil jemand deren Embleme an eine Brücke malt.

Auch Hertha BSC bewertet auf Nachfrage solche Kostenübernahmen eher kritisch: "Im öffentlichen Raum ist es schwierig, die Vereine haftbar zu machen, da eine solche Haftung mit rechtsstaatlichen Grundsätzen aus unserer Sicht schwer vereinbar ist."

Sonderzüge als Lösung des Problems?

Der Verein betont aber, dass man die Idee der vermehrten Sonderzüge für Fans durchaus begrüßt. Man habe früher selbst Sonderzug-Fahrten veranstaltet, "allerdings ist das ein sehr hoher Aufwand, ein hohes Risiko und sehr ressourcenbindend. Bei uns ist es so, dass die Fanszene selbst die Sonderzüge organisiert. Das macht sie in der Regel zweimal pro Saison, meistens zu den Spielen, die einen weiten Vorlauf haben."

Das Problem: Die Deutsche Bahn stellte in der Vergangenheit für diese Sonderfahrten keine Züge zur Verfügung. Herthas Fanszene musste sie sich aus dem Ausland besorgen. "Letztendlich ist dieser Ansatz aber der richtige Weg. Je stärker man die Fans mit in die Verantwortung nimmt, umso konfliktfreier laufen diese Fahrten ab", so der Klub.

Eine Beobachtung, die auch Michael Gabriel gemacht hat, wobei die Debatte um die Sonderzüge aus seiner Sicht bereits seit Jahren geführt werde: "In der Fanarbeit hat man die Erfahrung gemacht, wenn man den Fans Verantwortung gibt, am besten unterstützt von den Vereinen, kann man sich in der Regel darauf verlassen, dass es gut funktioniert", meint auch er.

Eigenverantwortung statt mehr Polizei

Ein erhöhtes Polizeiaufgebaut sieht Gabriel nicht als Lösungsweg, um Vandalismus von Fans im öffentlichen Raum zu verhindern. Schon allein die schiere Masse an Zügen und die Menge an Fans mache es unmöglich, alles abzudecken. Etwa 100.000 Menschen machen sich beispielsweise jedes Wochenende per Bahn auf den Weg zu Auswärtsspielen quer durch die Republik.

"Den Anspruch, alles unter Kontrolle zu haben, das ist etwas, woran man scheitern wird", sagt Gabriel. Natürlich brauche es Polizei und es brauche Regeln, die eingehalten werden müssten. Aber bei großen Gruppen, wo viele gruppendynamische Prozesse eine Rolle spielten, sei es am sinnvollsten, noch mehr auf die Eigenverantwortung der Leute zu setzen. "Das muss gestärkt werden und da gibt es Ressourcen in der Fanszene, die jedes Wochenende tausendfach greifen."

Gute Fanarbeit als Schlüssel zur Prävention

Stichwort: Selbstregulierung. Bei Hertha BSC arbeitet man laut Vereinsangaben eng mit dem Fanprojekt zusammen, um solche Prozesse zu fördern.

Letztlich muss man immer mit einbeziehen, wie das Verhältnis zwischen Verein und Fans generell ist. Gibt es einen Dialog außerhalb von negativen Geschehnissen und Ereignissen, ein Austausch auf Augenhöhe? Das sei die Grundlage für ein gutes Verhältnis, so Hertha BSC. "Wenn das auf einem stabilen Boden steht, dann kann auch ein einzelnes Vorkommnis das nicht erschüttern", erklärt der Verein.

Fanprojekte stärken, Sanktionen aus der Szene einfordern

Laut Fanprojekt-Koordinator Michael Gabriel ist es eine einfache Rechnung: "Umso mehr Vereine eine gute Fanarbeit leisten, umso größer ihr Einfluss auf das Verhalten der Fans. Auch die Stärkung der unabhängigen Fanprojekte ist hier wichtig."

Fanforscher Harald Lange fordert auch deshalb mehr Ressourcen für die Präventionsarbeit der Fanprojekte, damit es gar nicht erst zu solchen Taten komme. Befugnisse sollten erhöht und gestärkt werden, damit Sanktionen aus der eigenen Fankultur noch stärker angestrebt werden können.

Denn vor allem die gute Fanarbeit in den Projekten und Vereinen – darin sind sich viele Experten und Fanforscher einig – ist das beste Mittel, um solche Vorkommnisse wie die im RE1 von Berlin nach Magdeburg langfristig einzudämmen.

Sendung: rbb24 Abendschau, 19.03.2024, 19:30 Uhr

Beitrag von Fabian Friedmann

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