Polizei fährt mit Blaulicht bei Nacht zu einem Einsatz (Bild: picture alliance / Maximilian Koch)
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Polizei fährt mit Blaulicht bei Nacht zu einem Einsatz | Bild: picture alliance / Maximilian Koch

Razzia bei einem Staatsanwalt - Lebt die "Heimattreue Deutsche Jugend" weiter?

Ende Januar durchsuchen Berliner Ermittler die Generalstaatsanwaltschaft in Brandenburg. Ein Staatsanwalt steht im Verdacht, Teil einer Gruppe zu sein, die Behörden offenbar für eine Nachfolgeorganisation der 2009 verbotenen "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ) halten.
 
Beitrag von Silvio Duwe, Henrike Reintjes und Maria Wölfle

Der Wochenzeitung die ZEIT wurden aus seinem privaten Umfeld Chats und interne Unterlagen zugespielt, die sie zusammen mit Kontraste auswerten konnte. Aus dem Material geht hervor, dass die Gruppe mit dem Namen "Jungadler" Zeltlager und politische Schulungen für Jugendliche organisiert haben soll.

Anmoderation: Die Hitler-Jugend: HJ kennen Sie aus Filmen und Geschichtsbüchern: Gehirnwäsche, Rassenwahn und Antisemitismus inklusive. Die HDJ kennen Sie vielleicht auch? Klingt so ähnlich, ist aber jünger. Wegen ihrer "Wesensverwandtschaft mit der früheren Hitlerjugend" wurde die Heimattreue Deutsche Jugend vor 15 Jahren verboten. Doch jetzt haben wir gemeinsam mit der Wochenzeitung "DIE ZEIT" Hinweise darauf gefunden, dass es offenbar eine von Behörden und Öffentlichkeit (bislang) unbemerkte Nachfolgeorganisation gibt, die sich "Jung Adler" nennt.

Am 24. Januar rücken hier bei der Generalstaatsanwaltschaft in Brandenburg an der Havel Beamte des Berliner Landeskriminalamtes an. Die Polizisten durchsuchen die oberste Strafverfolgungsbehörde Brandenburgs. Auch am Berliner Stadtrand werden zwei Wohnhäuser durchsucht. Zuerst hatte die BILD-Zeitung darüber berichtet.

Der Grund für die Durchsuchung: das LKA Berlin ermittelt gegen einen Staatsanwalt der Brandenburger Behörde. Seine getrennt von ihm lebende Ehefrau hatte ihn angezeigt. Einer der Vorwürfe: der Mann soll als Mitglied oder Unterstützer die verbotene rechtsextreme "Heimattreue Deutsche Jugend"- kurz HDJ - fortgeführt haben.

Kontraste und die Wochenzeitung "Die ZEIT" haben gemeinsam zu dem Fall recherchiert – die Ermittlungen sind so brisant, dass die Staatsanwaltschaft uns gegenüber derzeit offiziell weder bestätigen noch dementieren will, dass sie gegen den Staatsanwalt ermittelt.

Noch ist es nur ein Verdacht. Ob sich die Vorwürfe am Ende erhärten, ist derzeit unklar – es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch was ist die HDJ? Die sogenannte "Heimattreue Deutsche Jugend" ist seit 2010 rechtskräftig verboten. Bei der HDJ – hier Bilder von ihren Jugendlagern – bestehe laut der damaligen Verbotsverfügung eine Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus, sie stehe in der Tradition der früheren Hitlerjugend.

Die Journalistin Andrea Röpke recherchiert seit Jahrzehnten zur rechtsextremen Szene, immer wieder hat sie auch Treffen der HDJ dokumentiert.

Andrea Röpke, Journalistin

"Die Heimattreue Deutsche Jugend, HDJ abgekürzt, ist eine Jugendorganisation der Hardcore-Szene des Rechtsextremismus gewesen, die bis 2009 Kinder nationalsozialistisch gedrillt hat."

Wolfgang Schäuble, CDU, Bundesinnenminister (Archiv, 31.03.2009)

"Es ist ein wirklich widerlicher Verein, der schon Kinder und Jugendliche mit scheinbar unpolitischen Freizeitveranstaltungen für das neonazistische Gedankengut gewinnen will."

Auch Kontraste hatte mehrfach über die HDJ berichtet, etwa 2019 – als wir aufdeckten, dass der damalige Landesvorsitzende der AfD in Brandenburg, Andreas Kalbitz eine HDJ-Vergangenheit hatte.

Nun gibt es Hinweise auf eine mögliche Nachfolgeorganisation der HDJ – auch sie wäre laut der Verbotsverfügung automatisch verboten. Es geht um Unterlagen, Fotos, Flyer und auch handschriftliche Aufzeichnungen sowie Kalender mit Adler-Symbolen, die in der Familie und Verwandtschaft des Staatsanwalts kursieren. Sie wurden der ZEIT zugespielt und gemeinsam mit Kontraste ausgewertet.

Astrid Geisler, Journalistin, DIE ZEIT

"Wir haben originale Kalender zum Beispiel dieser Organisation bekommen. Die hatten so Jahreskalender mit vielen Fotos drin gestaltet, aus denen hervorgeht, dass sehr viele Fahrten und Lager in den letzten Jahren offenbar stattgefunden haben. Wir haben interne Schulungsunterlagen, so Leitfäden einer ominösen Führerschule."

Auch den Ermittlungsbehörden soll solches Material vorliegen. Unsere Recherchen ergeben, dass den Verfassungsschutzämtern die Existenz dieser Gruppe bis zu diesem Jahr nicht bekannt war – obwohl die Jugendorganisation sehr aktiv zu sein scheint. Wir finden Hinweise auf Fahrten, Zeltlager und Feiern – im Zeitraum von 2018 bis 2024. Die Gruppe zog es offenbar in den Harz, den Taunus, das Allgäu oder ins norwegische Narvik:

Auf Fotos, Postkarten und in den Unterlagen identifizieren wir Kinder von ehemaligen HDJ-Funktionären. Und stoßen in dem Material auch auf den möglichen Namen der Gruppe: Jungadler. Indoktriniert der "Jungadler" etwa im Geiste des Nationalsozialismus Kinder und Jugendliche?

Wir treffen einen Mann, der eine der Familien aus einem Kalender gut kennt und zeigen ihm dieses Bild, auf dem er Kinder identifiziert. Der Mann möchte unerkannt bleiben.

Informant

"Das ist für mich eindeutig der Beginn eines langen Wochenendes der HDJ. Mit Torbogen aufstellen, mit Zelt aufbauen, um Lagerfeuer sitzen und da schön dann völkische Lieder von sich geben und die Kinder immer weiter rechts einschwören. Jetzt, nachdem Sie mir das Bild gezeigt haben, muss ich schon sagen, ja, die sind da immer noch sehr aktiv."

Der Name "Jungadler" erinnert auffallend an den NS-Film "Junge Adler" von 1944, den Propagandaminister Goebbels für besonders wertvoll hielt.

Der heutige "Jungadler" ist offenbar straff organisiert und in einzelne so genannte "Horten" aufgeteilt. Es gibt Anweisungen für Fahnenappelle und Einladungen zu sogenannten "Führerschulen", in denen die Nachwuchs-Elite der Gruppe ausgebildet wird.

Andrea Röpke, Journalistin

"Für mich sieht es so aus, als wenn das Verbot der Heimattreuen Deutschen Jugend wirklich ignoriert würde. Es gibt ganz, ganz viele Ähnlichkeiten. Also, es sind einfach Parallelen ganz klar zu erkennen in der Durchführung der Lager, in der Durchführung der Schulungen, der Führerschulungen und so weiter und sie haben einfach nur ein bisschen die Fahnen geändert, sie haben ein bisschen die Uniformen geändert und dann haben sie dezentraler das Ganze einfach weitergeführt, so muss es uns erscheinen."

Doch was hat der Staatsanwalt mit all dem zu tun? Bislang ist er selbst nicht politisch als extremistisch aufgefallen. Anders sein engeres Umfeld: Angehörige des Juristen waren einst Funktionäre in der HDJ.

Und ein Teil der Dokumente, die Kontraste und ZEIT vorliegen, wirft zumindest Fragen nach seiner Gesinnung auf: Ein Foto zeigt ihn im Haus seiner Mutter vor einer Bücherwand mit einschlägiger NS-Literatur, darunter auch Hitlers "Mein Kampf".

Ein Video zeigt, wie er Kindern erklärt, wie der Hitlergruß ausgeführt wird.

Staatsanwalt

"Einfach den rechten Arm ausstrecken. Die Hand gerade hier und den rechten Arm. Hitler hat manchmal bloß so gemacht."

Auf einem anderen Video ist zu hören, dass er den Kindern davon abrät, in der Schule den Hitlergruß zu machen:

Staatsanwalt

"Das hätte ich jetzt nicht zeigen sollen. Wenn Du das in der Schule machst, haben wir voll die Probleme."

Das Angebot eines vertraulichen Hintergrundgesprächs sowie Fragen zu den Vorwürfen ließ der Staatsanwalt unbeantwortet.

Der Fall ist heikel für die Justiz: Könnte ausgerechnet hier ein Jurist gearbeitet haben, der mit einer Neonazi-Gruppe sympathisiert – und der früher einmal sogar im Justizministerium in einem Referat gearbeitet hat, das unter anderem für Rechtsextremismus zuständig war?

Gegenwärtig gibt es nur einen Verdacht gegen ihn. Aber auch falls sich herausstellt, dass die Vorwürfe unzutreffend sind, hat er möglicherweise dennoch ein Problem, meint zumindest die Bundestagsabgeordnete Martina Renner – sollte er von der Existenz einer verbotenen Organisation Kenntnis gehabt haben.

Martina Renner, Die Linke, Bundestagsabgeordnete

"Er muss das melden. Er hat eine Pflicht als Beamter, als Staatsanwalt, insbesondere natürlich Straftaten zu melden, und es geht hier um eine Straftat. Und wenn er das nicht tut, ist es eine bewusste Entscheidung."

Die Ermittlungen obliegen der Staatsanwaltschaft, ob eine Schuld vorliegt, kann nur ein Gericht entscheiden.

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